Anna Chalupka (Jahrgang 11) berichtet von ihren irischen Impressionen als Gastschülerin

Als Gastschülerin in Galway hatte Anna Chalupka eine tolle Zeit (in der Mitte mit Brille).
(Fotos: Privat)

Anna Chalupka verbrachte ihr elftes Schuljahr als Gastschülerin in Galway und ist von dieser Zeit begeistert, weil sie so viele Erfahrungen gewonnen hat, dass sie jedem, der an einem Jahr im Ausland interessiert ist, dieses Abenteuer nur wärmstens empfehlen kann. Warum? Das beschreibt sie sehr ausführlich und interessant in ihrem folgenden Bericht.

Mein Auslandsjahr in Galway (Irland) 2017/2018

Mein elftes Schuljahr in Irland zu verbringen war rückblickend die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe.

Ende August ging es für mich vom Frankfurter Flughafen aus nach Dublin und danach mit dem Bus zu meinem neuen „Home away from home“: Galway. In meiner ersten Gastfamilie habe ich unter anderem mit meiner spanischen Gastschwester und einem ebenfalls spanischen Au-pair-Mädchen zusammengelebt – und sind nach ein paar Wochen nicht nur zu richtig guten Freundinnen, sondern zu Schwestern geworden. Besonders schön war es, dass meine Gastschwester und ich auf die selbe Schule gegangen sind, was uns beiden den Einstieg wirklich erleichtert hat. Für dieses Schuljahr war ich Schülerin im 4th Year auf dem St. Endas College Galway, das den irischen Namen „Coláiste Éinde“ trägt. Die Schule war zu Fuß nur etwa fünf Minuten vom Strand in Salthill entfernt, was im Sommer natürlich alle Schüler ausgenutzt haben.

 

Anders als in Deutschland ist das Tragen einer Schuluniform hier Pflicht, was aber ehrlich gesagt, gar nicht mal so schlecht war. Jeder musste eine blaue Hose und den Schulpulli mit einer weißen Bluse darunter tragen. Sportteams hatten ihre eigenen Jacken und Pullis, aber sonst sahen alle gleich aus. Es war echt schön, nicht jeden Morgen überlegen zu müssen, was man in der Schule anziehen soll und weil alle durch ihre Kleidung eine Einheit bilden, konnte niemand ausgeschlossen oder verurteilt werden.

Der Unterricht hat jeden Morgen um 8:50 Uhr begonnen und entweder um 15:10 Uhr oder 15:50 Uhr geendet. Unterrichtsstunden dauerten immer nur 40 Minuten und fanden in dem Raum des jeweiligen Lehrers statt. Und weil es zwischen den Schulstunden keine Fünf-Minuten-Pausen gab, musste man blitzschnell seine Sachen einpacken und sich durch die überfüllten Flure zum nächsten Klassenraum kämpfen, sobald die Klingel den Unterricht beendet hatte. Allgemein war die Schule in Irland strenger als in Deutschland. Obwohl die Schule für deutsche Verhältnisse eher klein war (etwa halb so viele Schüler wie auf der GLS), gab es unzählige Sportangebote. Die Schule legte besonderen Wert auf den Erhalt der irischen Kultur. Dementsprechend war der Irisch-Unterricht für die Einheimischen Pflicht, Durchsagen der Schulleiterin fingen mit einer irischen Begrüßung an und endeten mit „Go raibh maith agaibh“ („Vielen Dank“). Außerdem hatte man die Möglichkeit sich an vielen traditionell irischen Sportarten zu beteiligen, wie zum Beispiel Gaelic Football, Hurling, Rugby und noch viele andere.

Was ich besonders toll fand war, dass die Schule sehr viel Wert auf ein gutes Miteinander und das Wohlbefinden – besonders das mentale – der Schüler gelegt hat. Die mentale Gesundheit wurde im Unterricht thematisiert und wiederholt in Workshops oder monatlichen Versammlungen in der Kapelle der Schule angesprochen. Wie jeder Austauschschüler habe ich mir am Anfang über alles Sorgen gemacht. Freunde finden, mit der Sprache klarkommen und in einer fremden Kultur zu Hause sein sind Herausforderungen, die später zum Kinderspiel werden.

Da wir jeden Tag zwei Stunden mit allen Austauschschülern Englisch als Fremdsprache gelernt haben (ähnlich wie der Englisch-Unterricht in Deutschland), hatten wir Zeit, um uns gegenseitig kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Wir waren acht Deutsche, acht Spanier, eine Italienerin und eine Kroatin. Im Unterricht galt „English only“ und Schüler mit der gleichen Nationalität sollten nicht nebeneinander sitzen. Ich habe mich relativ schnell mit zwei deutschen Mädchen angefreundet. Schwieriger war es, sich unter die irischen Schüler zu mischen, weil diese bereits seit Jahren Freundesgruppen gebildet hatten. Einer meiner besten irischen Freunde war, Gott sei Dank, sehr offen und hat es mir wirklich leicht gemacht, mich mit ihm anzufreunden.

Nachdem ich im Januar meine Gastfamilie gewechselt habe und in den eher ländlichen Vorort Barna in Galway gezogen bin, habe ich meine besten Freunde gefunden: Giada aus Italien und Mirjam aus Deutschland. Wir waren unzertrennlich, haben jede Pause miteinander verbracht und uns in unserer Freizeit oft getroffen. Und weil Giada kein Deutsch versteht, konnten wir alle unser Englisch ganz nebenbei weiter verbessern.

In meiner neuen Gastfamilie hatte ich drei irische Geschwister und einen spanischen Gastbruder, der auch Austauschschüler auf meiner Schule war. Wir alle haben uns super verstanden. Meine Gastfamilie war sehr gastfreundlich und hat uns voll und ganz in die Familie integriert. Wir haben diverse Ausflüge zu anderen Städten, ins Kino oder einfach nur an den Strand gemacht und sind wirklich zusammengewachsen. Unser Haus war nur zehn Minuten vom Strand entfernt, an dem ich ab und zu mit Zoey, dem Hund der Familie, spazieren gegangen bin. Man konnte das Meer sogar von unserem Wohnzimmer aus sehen – es war einfach traumhaft! Im Nachhinein bin ich wirklich froh, meine Gastfamilie gewechselt zu haben – ich habe lange gezögert und mich, erst als ich über Weihnachten zu Hause war, dazu entschieden. Die Entscheidung war genau richtig, denn sonst hätte ich nie diese herzlichen Menschen kennengelernt, bei denen ich mich wirklich zu Hause und einfach wohl gefühlt habe.

Mittlerweile kann wohl jeder – Ed Sheeran sei Dank – etwas mit dem Stadtnamen Galway anfangen. Galway ist eine wunderschöne und vielfältige Stadt, in der man wirklich viel erleben kann. Die kleine Stadt an der Westküste Irlands bietet neben einer typisch irischen, bunten Innenstadt auch urige Wälder, lange Strände, viele Wiesen mit Schafen und karge Landschaften – so ziemlich alles, was das Herz begehrt, in nächster Umgebung.

Mit meinen Freunden war ich oft am Strand, wo ich mir doch tatsächlich in der ersten Woche einen fiesen Sonnenbrand geholt habe (klingt komisch, ist aber so). Häufig waren wir auch in der Innenstadt, wo wir entweder Einkaufen waren, uns in ein Café gesetzt oder im Park auf der Wiese gelegen haben, ins Kino gegangen sind, die Musik von den diversen Musikern in der Einkaufsstraße genossen oder uns an einem „Escape Room“ versucht haben. Ein weiterer beliebter Ort war „Spanish Arch“, der am Ende des „Galway Girl“-Musikvideos zu sehen ist. Hier haben wir oft einfach am Wasser gesessen und die Schönheit der Stadt bewundert. Anfang Mai, als das Wetter langsam besser wurde, bin ich mit meinen Freundinnen im eiskalten Atlantik geschwommen und danach auf die Kirmes am Strand gegangen – es war einer der schönsten Tage des ganzen Jahres.

Es stimmt übrigens wirklich: Die Iren sind ein sehr herzliches und aufgeschlossenes Volk. Ob in der Schule, im Restaurant, an der Bushaltestelle oder an der Kasse im Supermarkt: Überall wird man mit einem freundlichen Lächeln oder einem „Hello loveen!“ begrüßt. Kaum eine Busfahrt vergeht, in der man kein nettes Gespräch mit einer fremden Person geführt hat, die sich sehr dafür begeistert, dass man ein Auslandsjahr macht. Jeder Fahrgast bedankt sich beim Aussteigen bei dem Busfahrer und die Schüler am Ende des Unterrichts bei dem Lehrer. Das Land ist von gegenseitigem Respekt geprägt. In Irland habe ich an einem Tag öfter „sorry“ gesagt als in einem Monat in Deutschland. Während sich die Leute in Deutschland eher schuld-zuweisend anstarren, wenn sie mit jemandem im Gehen zusammengestoßen sind, entschuldigen sich in Irland beide Personen gleichzeitig und wünschen sich noch einen schönen Tag.

Obwohl Galway, wie oben schon erwähnt, eine wunderschöne Stadt ist, wollte ich doch ein bisschen mehr von der grünen Insel sehen. Mit meinen Freunden bin ich zu den berühmten Cliffs of Moher in Co. Clare gefahren und am Rand der beeindruckenden Felsen entlanggelaufen. Dabei sind nicht nur unglaublich tolle Fotos, sondern auch unvergessliche Momente entstanden. Mit dem Bus ging es für uns mehrmals nach Dublin, wo uns ein irischer Schüler den Tour Guide gegeben hat, weil er dort aufgewachsen ist. Den besten Ausflug haben wir im Sommer gemacht: Mit der Fähre ging es zu den Aran Islands, die direkt vor der Küste Galways liegen, wo wir uns Fahrräder gemietet haben und bei strahlendem Sonnenschein um die halbe Insel gefahren sind. Und obwohl die Ausflüge schön waren, waren wir alle am Ende des Tages froh, wieder „zu Hause“ in Galway angekommen zu sein.

Meine Eltern haben mich in den Osterferien besucht. Das war für mich der Zeitpunkt, an dem ich nach gut sieben Monaten in Irland endlich auch einmal Tourist sein konnte. Meine Gastfamilie hatte mir netterweise eine Liste mit Sehenswürdigkeiten in ganz Irland zusammengestellt, die wir dann abgearbeitet haben. Für neun Tage haben wir mitten in der Innenstadt in einem Hotel gewohnt und sind mit dem geliehenen Auto durch Irland gefahren. Auf der linken Straßenseite. Es ist ein Wunder, dass wir alle überlebt haben.

Zusammen mit meinen Eltern war ich nochmal bei den Cliffs of Moher und in Dublin, da ich Karten für ein Niall-Horan-Konzert bekommen hatte. Wir sind auf dem atemberaubenden Wild Atlantic Way die Westküste entlanggefahren. Weil die irische Landschaft einfach so unglaublich schön ist, haben an so gut wie jedem Aussichtspunkt angehalten, um Fotos zu machen. Wir haben das ländliche Connemara gesehen, sind zu der Steinlandschaft der Burren in County Clare gefahren und haben uns die berühmten Hochkreuze in Clonmacnoise angesehen. Auf der kleinsten Insel der Aran Islands (insgesamt drei Inseln) haben wir mit einer Pferdekutsche die Insel besichtigt und sind auf der Rückfahrt mit dem Schiff an den Cliffs of Moher vorbeigefahren, die vom Wasser aus ganz anders, aber nicht weniger beeindruckend aussehen. Ich habe es sogar geschafft den klitzekleinen Fudge-Laden in der Küstenstadt Doolin zu finden, von dem mir meine Englischlehrerin schon vor Monaten erzählt hatte – sie hatte Recht, das Fudge war wirklich sehr lecker.

Allein schon wegen meiner verbesserten Englisch-Sprachkenntnisse hat sich das Jahr im Ausland gelohnt. Im Laufe der neun Monate, die ich in Irland verbracht habe, wurde mir des Öfteren gesagt, dass ich wirklich irisch klingen würde und einige Leute im ersten Moment gar nicht gemerkt hätten, dass ich eine Austauschschülerin sei. Für mich war dies das schönste Kompliment, das mir jemand hätte machen können und ich bin unglaublich stolz darauf.

Einige irische Ausdrücke wie „Thanks a mil!“, „Only a wee bit.“ oder „It was great craic!“ haben sich schnell eingeprägt. Manche Wörter erscheinen aber auch einfach logischer im irischen Englisch als im britischen Englisch: Der Buchstabe 'H' wird in Irland beispielsweise als „haitch“ ausgesprochen, was meiner Meinung nach mehr Sinn macht als die britische Version „aitch“. Der Galway Akzent war von Anfang an recht gut zu verstehen und ich hoffe wirklich, dass ich ihn beibehalten kann, da ich den irischen Akzent einfach cool finde.

Zu sagen, dass alles immer nach Plan gelaufen ist, wäre eine glatte Lüge. Mir sind so einige doofe Sachen passiert, aber das ist auch gut so. Die schwierigen Situationen haben mich über meine Grenzen gehen und selbstständig werden lassen. Es erfordert viel Mut, Probleme in einem fremden Land ganz alleine zu lösen – man ist aber umso stolzer, wenn man es dann trotzdem alleine geschafft hat. So hat zum Beispiel mein nagelneues Handy nach der dritten Woche in Irland schon den Geist aufgegeben, was für mich ein kleiner Weltuntergang war. Nicht wegen des Handys an sich, sondern weil ich so wirklich auf mich alleine gestellt war.

In der zweiten Hälfte des Schuljahres konnte ich nichts mehr an der Tafel erkennen und musste mir in Irland beim Optiker eine Brille machen lassen. Außerdem musste ich mich selbst um meinen Gastfamilienwechsel kümmern und mit den entsprechenden Konsequenzen klarkommen.

Am Ende bin ich also mit einem neuen Handy, einer Brille und neugewonnener Selbstständigkeit wieder zurück nach Deutschland gekommen. Trotz mancher Schwierigkeiten bereue ich keine einzige Sekunde, da mich jeder Moment zu der Person gemacht hat, die ich jetzt bin. Ich habe mich in diesen neun Monaten schlagartig – manchmal nicht ganz freiwillig – verändert. Das haben nicht nur meine Freunde und meine Familie, sondern vor allem ich selbst gemerkt. Ich bin erwachsener geworden, komme mit Problemen besser klar und fühle mich – auch wenn das ziemlich kitschig klingt – als könnte ich nach diesem Jahr alles schaffen, wenn ich es nur will.

Der letzte Monat war der schönste, aber auch der schwerste des ganzen Jahres. Da ich meine besten Freunde erst relativ spät gefunden habe, haben wir den letzten Monat genutzt, um so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen. Wir haben festgestellt, wie ähnlich wir uns doch sind und geplant, wann und wie wir uns gegenseitig in Italien und Deutschland besuchen können. Das hat die Vorstellung, sich zu verabschieden, nur noch unerträglicher gemacht hat. Das Gute ist, dass wir durch Social Media gut in Kontakt bleiben und uns jederzeit über Video-Anrufe sehen können.

In den letzten Wochen habe ich meine Freunde, Lehrer und meine Gastfamilie gebeten, in mein kleines Abschiedsbuch zu schreiben. Die Einträge habe ich mir dann im Flugzeug auf dem Weg nach Hause durchgelesen. Das hat mich sehr berührt und zum Weinen gebracht, was mir einige komische Blicke beschert hat. Nach dem emotionalen Abschied war mir das aber ziemlich egal! Am letzten Schultag haben die irischen Schüler eine Abschiedsparty für uns Austauschschüler am Strand geschmissen und gegrillt. Es war total schön, alle noch einmal zu sehen und sehr schwer, sich von guten Freunden zu verabschieden. An dem Tag sind viele Tränen geflossen und trotzdem war es ein wunderschöner Tag, an den ich mich immer gerne zurückerinnern werde!

Mit meinem Religionslehrer und einigen anderen Schülern aus meinem Jahrgang habe ich an dem „Darkness into Light“ Event teilgenommen. Dafür haben wir uns an einem Samstag um vier Uhr morgens an der Schule getroffen und sind gemeinsam zur Promenade gelaufen. Dort hatten sich hunderte andere Teilnehmer schon versammelt, mit denen wir dann bei Sonnenaufgang die Promenade entlang gegangen sind. Die Aktion sollte symbolisch für „Licht ins Dunkle bringen“ stehen und wurde von einer Hilfsorganisation für Leute veranstaltet, die von Depressionen betroffen sind. Es war sehr emotional und einfach etwas ganz Besonderes.

In der Schule haben wir bis zum letzten Schultag Klausuren geschrieben. In der Woche davor hatte mein Englischlehrer eine meiner Freundinnen und mich gebeten, eine Rede über unseren Aufenthalt in Galway zu halten. Wir haben natürlich zugestimmt und dann tatsächlich vor dem kompletten Jahrgang unsere Reden gehalten. Es war total nervenaufreibend, vor den Iren Englisch zu sprechen und sehr emotional, da uns in diesem Moment so richtig bewusst wurde, dass unser Auslandsjahr zu Ende ging. Es war eine der aufregendsten und besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Jahr in Irland ein einmaliges Erlebnis war, an das ich mich immer erinnern werde. Ich habe so viele tolle Leute aus der ganzen Welt kennengelernt und Freunde fürs Leben gefunden. Galway ist zu meiner zweiten Heimat geworden und wird für mich immer mit schönen Erinnerungen verbunden sein. Durch das Auslandsjahr habe ich viel über mich selbst gelernt, bin selbstbewusster und eigenständiger geworden und habe gemerkt, was und wie viel ich erreichen kann, wenn ich mein Bestes dafür gebe. Das Jahr hat mir außerdem gezeigt, wie schön meine Heimat Deutschland doch eigentlich ist und wie sehr mich mein Land und meine Region geprägt haben. Ich kann jedem nur empfehlen auch ein Auslandsjahr zu machen, wenn man die Chance dazu hat. Es ist eine ganz persönliche Erfahrung, die ganz einem selbst gehört. Das Jahr in Galway war das beste Jahr meines bisherigen Lebens!

Wenn du dir unsicher bist, selber ins Ausland gehen willst oder Fragen über ein mögliches Auslandsjahr hast, kannst du mich gerne jederzeit ansprechen. Ich beantworte alle Fragen gerne nach bestem Wissen und Gewissen und würde gerne mehr Schüler für ein Schuljahr in einem fremden Land begeistern.“

Anna Chalupka